Es ist nicht einfach, nach den geschichtlichen Anfängen der deutschen Stämme zu suchen;
denn eine geradezu verwirrende Vielfalt kennzeichnet die frühen Spuren. Nicht Seßhaftigkeit
und langsames, stetes Wachsen, sondern Bewegung, Unruhe, Verschiebungen, Neben-, Gegen- und
nur gelegentliches Miteinander lassen sich aus diesen Spuren ablesen, die wir bis weit in
die germanische Zeit zurückverfolgen können.
Vorfahren der deutschen Stämme: die Germanen. Die große germanische Völkerfamilie hatte
sich seit dem 2. vorchristlichen Jahrtausend von ihrer Urheimat in Südskandinavien und
Schleswig-Holstein weithin über Mittel-, West- und Osteuropa verbreitet und war in
drei große Gruppen mit wiederum zahlreichen Stämmen zerfallen. Während eine dieser
Gruppen, die Nordgermanen, weiterhin in Skandinavien siedelten, gingen aus den Ost- und
den Westgermanen jene Völkerschaften hervor, die dann ihrerseits die deutschen Stämme
bildeten. Es ist jedoch unmöglich, ihre Siedlungsräume in vorchristlicher Zeit genau zu
lokalisieren, so daß man sich beim heutigen Stand der Forschung mit ungefährer Orientierung
und Einteilung in größere Gruppen wie Elbgermanen oder Rhein-Weser-Germanen begnügen muß.
Germanische Ratsversammlung. Relief an der Marc-Aurel-Säule zu Rom
Germanen und Römer. Die Römer kannten diese Germanen, die seit dem 1. Jahrhundert v. Chr.
verschiedentlich ihre Grenzen bedrohten, aber der Versuch, die Stämme östlich des Rheins
zu unterwerfen endete mit einer schweren Niederlage. Im Jahre 9 n.Chr. vernichten die
Cherusker unter der Führung des Arminius, wie ihn die Römer nannten, zusammen mit den
Kriegern einiger anderer Stämme in der Schlacht im Teutoburger Wald drei römische
Legionen. Als sich die Römer vom Schock dieser blutigen Niederlage erholt hatten,
versuchten sie zwar in den folgenden Jahren noch mehrfach, die Scharte auszuwetzen,
aber im Jahr 16 gaben sie endgültig auf und beließen die germanischen Stämme östlich
des Rheins außerhalb ihrer Herrschaft.
Für kurze Zeit war es Arminius gelungen, infolge der Bedrohung durch die Legionen mehrere
germanische Stämme zwischen Rhein und Weser zu einigen. Fast zur gleichen Zeit schuf
der Markomannenkönig Marbod in Böhmen ein erstes germanisches Reich, dem sich umwohnende
Stämme anschlossen. Uneinigkeit und Zwietracht, alte Erbübel der Germanen, zerstörten
schon nach wenigen Jahren die Einigungsversuche Armins und Marbods. Der eine fiel im
Kampf gegen seine Feinde, der andere flüchtete zu den Römern und starb im Exil.
Die "Germania" - ausführlichster Bericht aus römischer Feder. Die Verbindungen des
freien Germanien zu den Römern rissen nicht mehr ab, und ihnen verdanken wir auch
das wichtigste antike Zeugnis über die germanischen Stämme. Der römische
Geschichtsschreiber P. Cornelius Tacitus, der etwa von 54 bis 120 n.Chr. lebte, sammelte
sorgfältig die Nachrichten über die Germanen, wie sie ihm römische Offiziere und Händler
von ihren Reisen in die Gebiete östlich des Rheins mitbrachten, und faßte die Ergebnisse
seiner Studien und Nachforschungen in der "Germania" zusammen, einem kleinen, für die
deutsche Stammesgeschichte aber höchst gewichtigen Bändchen. Er berichtete über Leben
und Alltag der Germanen, über Rechtswesen und Götter, gab aber auch Hinweise auf die
Gliederung der Stämme und deren Wohnsitze. Während Caesar in seinem Werk über den
"Gallischen Krieg" eineinhalb Jahrhunderte zuvor nur etwa zwanzig aufgezählt hatte,
nannte Tacitus nun schon über sechzig Stämme beiderseits des Rheins. Trotzdem waren
keineswegs alle erfaßt, da es zahlreiche winzige Völkerschaften gab.
Unter den vielen von Tacitus überlieferten Namen tauchen schon einige sehr bekannte
auf, die im Lauf der folgenden Jahrhunderte noch erhöhte Bedeutung erlangen sollten. Die
schon erwähnten Cherusker und Markomannen waren natürlich darunter, dann die Bataver
im Rheindelta, die Chatten im Einzugsgebiet von Fulda und Lahn, die als Vorfahren der
heutigen Hessen gelten, die Friesen an der Küste, die in der Folgezeit Namen und
Siedlungsgebiete nicht mehr wechselten, die Sueben, die später den von ihnen abstammenden
Schwaben den Namen gaben, die Langobarden und die Goten.
Sachsen, Alemannen, Franken, Vandalen und Goten... Viele Namen verwirren für den ersten
Augenblick. Noch suchen wir hier vergeblich nach einer festen Ordnung. Sie läßt sich aber auch
für die nächsten vierhundert Jahre nach Tacitus nicht finden. Im Gegenteil: seit etwa
der Mitte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts gerieten die germanischen Stämme in
Bewegung. Ein sich steigender Druck asiatischer Reitervölker im Osten wirkte zuerst
auf die Goten, die nach Süden auswichen. Und wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird,
jene Wellen auslöst, die sich ausweitend fortbewegen, so war es auch mit diesen Wanderungen.
Sie verschoben nicht nur über Jahrhunderte hinweg die Wohnsitze der Stämme, sondern
veränderten auch mehrfach deren Gefüge. Viele verschwanden aus der Geschichte,
andere schlossen sich zusammen, und aus solchen Zusammenschlüssen jene neuen, deren
Namen uns heute noch geläufig sind.
So gingen zu Beginn des 3. Jahrhunderts aus den Semnonen, einem Unterstamm der Sueben,
die Alemannen (auch Alamannen) hervor. Vom Obermaingebiet, wo sie ursprünglich siedelten,
zogen sie nach Süden in das heutige Elsaß, die Nordschweiz und das Land zwischen Iller und Lech.
Aus dem Zusammenschluß einiger Stämme am Niederrhein entstanden wenig später die Franken,
die in der Geschichte eine so wichtige Rolle spielen sollten.
Gegen Ende des 3. Jahrhunderts gab es insgesamt sieben bedeutende germanische Stämme. In
Norddeutschland siedelten die Sachsen, deren Wohngebiet sich ungefähr mit dem heutigen
Niedersachsen deckt. Am Niederrhein lebten die Franken. Das Kernland der Alemannen lernten
wir eben kennen. Auch östlich der Elbe siedelten suebische Stämme, an die sich nach Osten hin
Burgunder, Vandalen und Goten anschlossen. Dieses schöne Schema gleicht aber einer
Momentaufnahme: denn schon Ende des 4. Jahrhunderts setzten jene großen Bewegungen ein,
die wir summarisch als "Völkerwanderung" bezeichnen. Die welthistorisch bedeutsamen
Züge der Goten und Vandalen führten hinaus aus den alten Siedlungsgebieten, die Sueben
zerfielen, und ihr Name allein blieb den Alemannen erhalten. Die Burgunder wanderten
von ihren Siedlungsgebieten zwischen Weichsel und Oder nach Westen, überschritten den
Rhein und drangen in römisches Gebiet ein, wo ihnen 436 durch den römischen Statthalter
Aetius und dessen hunnischen Verbündeten eine schwere Niederlage bereitet wurde. Die
letzten Reste des Stammes siedelten sich in der heutigen französichen Landschaft Burgund
an, die Erinnerung an die vernichtende Niederlage aber lebt fort in der Nibelungensage.
Am wenigsten betroffen von diesen Wanderungen waren Sachsen, Franken und Alemannen. Sie
bildeten den Kern jener Stämme, aus denen in den folgenden Jahrhunderten die wichtigsten
deutschen Herzogtümer hervorgingen.
Gewaltsame "Einigung" einiger Stämme durch die Merowinger. Die Anfänge waren dabei ganz
bescheiden, kaum merklich und sind auch von der Wissenschaft nur schwer zu registrieren.
Die Franken beispielsweise wurden erstmals schon 258 als unbedeutender Stamm erwähnt.
Eineinhalb Jahrhunderte lang begegnen wir ihnen dann verschiedentlich in den Gebieten
beiderseits des Rheins. Unruhige Krieger waren es, die als Seeräuber die westeuropäischen
Küsten bedrohten, aber auch in das römische Gallien vorstießen und die dort lebenden Römer
bedrängten. Um 500 gelang dann einem ihrer Anführer die Einigung der verschiedenen kleinen
fränkischen Stämme. Es war Chlodwig, aus dem Geschlecht der Merowinger, ein ebenso kühner
wie skrupelloser und brutaler Mann. In den dreißig Jahren seiner Herrschaft rottete er erst
seine Rivalen aus, vernichtete dann die letzten Reste römischer Herrschaft auf gallischem
Boden, kämpfte schließlich gegen seine germanischen Nachbarn und hatte bis zu seinem Tod
511 nicht nur ein großes Frankenreich geschaffen, sondern damit auch das politische
Schwergewicht eindeutig vom Mittelmeer nach West- und Mitteleuropa verlagert. Während
seiner Herrschaft unterwarf Chlodwig auch die benachbarten Alemannen, und seine Söhne
eroberten das Reich der Thüringer.
Diese Thüringer waren aus einer Vermischung kleinerer Völkerschaften beiderseits der
mittleren Elbe hervorgegangen. Wir begegnen hier dem Phänomen der sich in der späteren
deutschen Geschichte noch mehrfach wiederholenden Bildung eines neuen Stammes. Ähnliches
erleben wir auch bei den Baiern, deren Herkunft heute noch für die Forschung umstritten
bleibt und die möglicherweise um die gleiche Zeit, da die Thüringer von den Franken
unterworfen wurden, aus dem böhmischen Raum im heutigen Bayern einwanderten. Vielleicht
läßt sich ihr Name deshalb aus Boiahenum = Böhmen ableiten.
Der Sieg über die Thüringer hatte den Franken das Maintal geöffnet, und allmählich schoben
sie, flußaufwärts vordringend, einen Keil zwischen die sächsischen und thüringischen
Stammesgebiete im Norden und den alemannischen und baierischen Gebiete im Süden.
Als dann gegen Ende des 7. Jahrhunderts die Völkerwanderung ausklang, hatte sich das
Stammesgefüge im heutigen deutschen Sprachraum weitgehend verändert. Die verwirrende
Vielfalt der germanischen Zeit war einer neuen großräumigen Gliederung gewichen. An
Rhein und Main saßen nun die Franken, nördlich von ihnen zwischen Saale und Oberlauf der
Weser die Thüringer und westlich die Hessen. Nach Norden schlossen sich die Sachsen an,
während die Friesen nach wie vor an der Nordseeküste siedelten. Südlich des Mains lebten
zwischen Rhein und Lech die Alemannen und östlich davon zwischen Donau, Lech, Alpen und
Enns die Baiern.
Diese Gliederung erleichtert die Übersicht und trägt wesentlich zum Verständnis der
historischen Entwicklung in den folgenden tausend Jahren bei; denn ein Blick auf die
Geschichtskarten zeigt deutlich, daß aus den Stammesgrenzen allmählich die Grenzen
der deutschen Herzogtümer hervorgingen.
Karl der Große und das Ende stammesherzöglicher Selbständigkeit. Alemannen und Thüringer
waren, wie wir hörten, schon früh unter die Herrschaft der fränkischen Könige gezwungen
worden. Die Baiern konnten unter dem Herzogsgeschlecht der Agilolfinger vorerst noch eine
gewisse Selbständigkeit bewahren. Frei blieben Sachsen und Friesen. Als Karl der Große aus
dem Geschlecht der Karolinger die Herrschaft über das Frankenreich übernahm, endete auch
ihre Unabhängigkeit. 772 begann Karl seine Kriege zur Unterwerfung der Sachsen, die auf
beiden Seiten mit großer Erbitterung geführt wurden. Nach Anfangserfolgen der Franken
erreichten sie ihren Höhepunkt mit dem Aufstand der Sachsen unter Widukind und dem
furchtbaren Strafgericht Karls in Verden an der Aller, wo 782 - den Reichsannalen zufolge,
heute aber bestritten - an einem Tag 4500 Sachsen hingerichtet wurden. Erst 804 klangen
Aufstände und Kämpfe aus, war der sächsische Stamm fest der fränkischen Herrschaft
unterworfen. Fast unbeachtet wurden daneben auch Friesland in das Frankenreich eingegliedert
und das agilolfingische Stammesherzogtum durch die Absetzung des letzten Herzogs Tassilo
beseitigt.
800: Karl der Große wird im Petersdom in Rom von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt
Historiengemälde von Alfred Rethel im ehemaligen Krönungssaal des Aachener Rathauses (1944 zerstört)
Zentrifugal und zentripedal - Stammespolitik und Reichspolitik.
Damit aber war wieder eine Phase in der Entwicklung der deutschen
Stämme abgeschlossen. Von nun an blieb ihre Geschichte eng
verbunden mit der Geschichte des Frankenreiches und des
aus ihm erwachsenden deutschen Reiches. Doch läßt sich das
Eigenleben der Stämme auch weiterhin deutlich verfolgen. Es
gehört zu den besonderen Kennzeichen deutscher Geschichte, daß
sich diese im Gegensatz zur englischen oder französischen im
Spannungsfeld von Einheitsstreben und stammesmäßig geprägtem
Partikularismus entwickelt. Gemeinsam mit den Königen als
Vertretern der Zentralgewalt, oft genug aber auch im bewußten
Gegensatz zu ihnen, lösten die Stammesherzöge seit dem
10. Jahrhundert wichtige Aufgaben, vor allem in den neuen
Siedlungsgebieten. Gerade bei der Sicherung der stets bedrohten
Grenzen festigten einzelne Herzöge ihre Position - auch gegenüber
dem Kaiser.
Herzland des neuen deutschen Reiches war anfangs Franken.
Nicht mehr das ganze alte karolingische Herrschaftsgebiet, sondern
Ostfranken, wie das Land an Mittelrhein und Main genannt wurde
und wo bis zum Beginn des 10. Jahrhunderts die Babenberger
als Herzöge residierten. Sie hatten ihren Namen nach einer
Burg, die an der Stelle des heutigen Doms von Bamberg stand.
Ob dieses Geschlecht zu den Vorfahren jener Babenberger gehört, die
Markgrafen der Ostmark und spätere Herzöge von Österreich
wurden, läßt sich nicht sicher belegen, aber vielleicht reicht
doch eine Brücke vom Obermain hinüber nach Wien.
Altes fränkisches Stammesgebiet lag auch links des Rheins und
war durch die Reichsteilung von 870 dem Westfrankenreich zugefallen.
Als Lothringen kehrte ein Teil davon wieder zum Reich zurück.
Der Name weist dabei schon auf die Eigenart dieses Herzogtums
hin. Als Lotharingien, das Land des Königs Lothar, war es ein
Reichsteil ohne Stamm, war fränkisches Land, groß genug, um
schon seit dem 10. Jahrhundert in zwei Herzogtümer aufgeteilt zu
werden, die beide sich im Lauf der Zeit wieder aus dem Reichsverband
lösten. Niederlothringen umfaßte die heutigen Niederlande,
einen Teil Belgiens und das heutige Mittel- und Niederrheingebiet.
Oberlothringen war das Land zwischen Saone, Vogesen,
Eifel und Maas, das jahrhundertelang eine Mittelstellung
zwischen Frankreich und Deutschland einnahm, dessen Herzöge
meist klug paktierten, zeitweilig der einen und dann wieder der
anderen Seite zuneigten, bis das ganze Gebiet im 18. Jahrhundert
endgültig an Frankreich fiel.
Gehörten zum fränkischen Stamm somit zwei und nach der Teilung
Lothringens sogar drei Herzogtümer, so gab es für die Thüringer
gar keines. Nur kurze Zeit hatte im 5. und 6. Jahrhundert
beiderseits der Saale ihr kleines Königreich bestanden, bis es
von den Franken zerstört worden war. Danach fiel das Gebiet
nördlich der Unstrut den Sachsen zu, östlich der Saale drangen Slawen
in das Land, und der Süden kam zum späteren fränkischen
Herzogtum. Auch in den folgenden Jahrhunderten erreichte
keines der thüringischen Adelsgeschlechter die Herzogswürde.
Stammesherzöge auf dem Königsthron. Ganz anders dagegen verlief
die Entwicklung bei den Sachsen. Noch ehe sie sich nach ihrer
blutigen Unterwerfung durch Karl den Großen richtig in das
Frankenreich eingefügt hatten, brach dieses auseinander. Drohende
Gefahren von außen, gegen die sich die schwachen letzten
Karolingerkönige nicht schützen konnten, wie etwa der Druck der
Slawen auf die Stammesgrenze im Osten oder die steten Angriffe der
Normannen von Norden her, erzwangen wirkungsvolle
Selbsthilfe und damit eine starke zentrale Stammesführung, die
schließlich das Geschlecht der Liudolfinger übernahm. Sie
wurden nicht nur sächsische Herzöge, sondern seit dem
10. Jahrhundert auch die ersten deutschen Könige. Als das
Geschlecht 1024 ausstarb, fiel Sachsen an die Billunger.
Südlich der mainfränkischen Schranke behaupten die beiden
großen süddeutschen Stämme ihre zu Ausgang der Völkerwanderung
erworbenen Wohnsitze, aus denen ebenfalls zwei Herzogtümer
hervorgingen. Das alemannische Stammesgebiet vom heutigen
Elsaß bis zum Lech und vom schwäbisch-fränkischen
Stufenland bis zum Engadin bildete das Herzogtum Schwaben, in
dessen Mittelpunkt der Bodensee lag. Östlich des Lech begann das
Herzogtum Baiern. Als Folge jener Siedlungs- und Kolonisationsbewegung,
von der im folgenden noch ausführlich die Rede sein wird,
schob es seine Nordgrenze über die Donau hinaus und umfaßte
im Südosten auch Kärnten und die Steiermark.
In diesen neuen Grenzen entfalten sich die alten Stämme und
konnten im Lauf des Mittelalters wichtige politische, kulturelle
und vor allem kolonisatorische Aufgaben übernehmen, die
ihrerseites wieder zur Bildung neuer Stämme führten. Der
Literarhistoriker Josef Nadler hat einmal versucht, in einem breit
angelegten Werk die deutsche Dichtung aus diesen Stämmen und den von
ihnen besiedelten Landschaften zu deuten. Seine Untersuchungen
beweisen, wie stark die geistigen Kräfte der deutschen Stämme
waren: stark genug für große kulturelle Leistungen, stark genug
für kolonisatorische Aufgaben und im Guten wie im Schlechten
stark genug, um den Gang der deutschen Geschichte immer
wieder entscheidend zu beeinflussen. Selbst die Könige, die über
das Reich herrschten, waren von diesen Stämmen geprägt, aus denen
sie hervorgingen. Und fast jeder Stamm stellte eines der großen
Herrschergeschlechter. Zuerst für ein Jahrhundert die Sachsen,
ihnen folgten die salischen oder fränkischen Könige und danach
die schwäbischen Staufer. Mochten die Habsburger wie die Staufer
aus alemannischem Stamm kommen, so prägte sie doch in der
Folgezeit baierisch-österreichisches Wesen.
Zur Zeit der Sachsenkönige, im 10. Jahrhundert, wurde die alte
Stammesgliederung noch bewußt empfunden. So schrieb der
Mönch Widukind von Corvey in seiner Chronik bei der Schilderung
der Schlacht auf dem Lechfeld: "Die erste, zweite und dritte
Abteilung bildeten die Baiern, ihnen folgten die Franken, deren
Führer Herzog Konrad war. In der fünften, der stärksten, die auch
königliche genannt wurde, war König Otto selbst (Anm.: d.h. mit
sächsischen Kriegern)... die sechste und siebte Schar machten
die Schwaben aus..."
Ausschnitt aus dem Gemälde Die Ungarnschlacht auf dem Lechfeld 955 von Michael Echter (1812-1879). Das Original befindet sich in der Stiftung Maximilianeum in München.
Die Verdienste der Stammesherzöge. Aber nicht in blutigen Kämpfen
und spektakulären Siegen wie hier 955 über die Ungarn manifestierten
sich die großen Leistungen der deutschen Altstämme.
Es war vielmehr das jahrhundertelange Ringen um neues und
erweitertes Siedlungsland, das ihnen nach einer Zeit der Ruhe
wichtige Aufgaben brachte und in der Folge zum Entstehen der
deutschen Neustämme führte, die man mit dem Begriff "jüngeres
Stammesherzogtum" von den Stämmen der Merowingerzeit abhebt.
Neue Namen gesellten sich nun zu den alten Stammesbezeichnungen,
die ihrerseits, wie wir gleich hören werden, wesentliche
Wandlungen und vor allem bis zum ausgehenden Mittelalter
auch Einschränkungen erlebten und sich dann nicht mehr in den
alten Herzogtümern, sondern in den neuen deutschen
Territorialstaaten spiegelten.
Agilolfinger, Baiern und Babenberger. Begonnen hatten das
Siedlungswerk die Baiern. Noch unter den Agololfingern griffen sie im
8. Jahrhundert über die Donau in den sogenannten "Nordgau"
über, jenes damals weitgehend von Urwald bedeckte Land zwischen
Pegnitz, Fichtelgebirge und Bayerischem Wald, wo zerstreut
Slaven siedelten, die sich überwiegend den Neuankömmlingen
anglichen und nur selten vor ihnen zurückwichen. Wie die
Jahresringe eines Baumes sein Wachstum erkennen lassen, so
zeigen Jahrhundert für Jahrhundert gewisse Grenzpunkte deutlich
den Weg der baierischen Siedler, die zahlreiche Kolonistendörfer
anlegten. Noch heute erinnern die Ortsnamen auf -reut, -brand,
-hau u.a. an das harte Rodungswerk. Um 800 bildete Premberg
den Grenzpunkt, um 900 hatte man schon die Luhe erreicht, und
so ging es Stück um Stück weiter, bis zu Beginn des 12. Jahrhunderts
die Kolonisation auf das heutige Regnitzland bei Hof übergriff.
Die kleinen Leute trugen dabei die harten Rodungslasten,
die Lenkung lag in den Händen einiger bedeutender Adelsgeschlechter,
nicht zuletzt aber auch bei den Mönchsorden, deren Klöster
die geistigen und wirtschaftlichen Mittelpunkte der
Rodungsgebiete bildeten.
Noch ausholender als im Nordgau war die Kolonisationsbewegung
des baierischen Stammes im Osten und vor allem Südosten.
Auch hier machten die Agilolfinger den Anfang, und die Babenberger
setzten das Werk fort, als ihnen Kaiser Otto II. das Gebiet
zwischen Enns und Leitha als "Ostmark" zur Sicherung und
Kolonisation übertrug. So wurde es zur Keimzelle des späteren
Herzogtums Österreich. Hier wie auch in Kärnten und der Steiermark,
wo die Baiern schon seit der Mitte des 8. Jahrhunderts Fuß
faßten, verbanden sich Grenzsicherung und Kampf gegen Awaren,
Ungarn und Slawen bis ins 11. Jahrhundert mit Kolonisierung
und Germanisierung. In der Krain reichten die baierischen
Stammeskräfte nicht mehr aus, und es blieb bei deutschen
Sprachinseln im slawischen Gebiet.
Sachsen, Brunonen, Welfen und Wettiner. Nur wenig später setzte die
Neusiedlung auch an den Ostgrenzen des sächsischen Herzogtums
ein. Kaiser Otto der Große hatte es an Markgraf Hermann Billung
übertragen. Er und sein Nachfolger trieben die Kolonisierung
vor allem im Nordosten energisch voran. Unterstützt wurden
sie dabei von verschiedenen sächsischen Grafenhäusern, allen
voran von den jüngeren Brunonen von Braunschweig. Nach
einer Zeit des Stagnierens erlangte Sachsen dann im 12. Jahrhundert
neue Bedeutung unter den aus Süddeutschland kommenden
Welfen. Ein alemannisches Geschlecht übernahm damit die Führung
des sächsischen Stammes und erschloß ihm neue Aufgaben.
Nicht nur, daß Heinrich der Löwe dem Herzogtum machtvolle
Unabhängigkeit und gradezu eine Sonderstellung im Reich verschaffte,
sondern er trieb auch die Ostkolonisierung wieder
energisch voran und eroberte östlich der Elbe Teile des heutigen
Mecklenburg und Vorpommern. Aber der Sturz Heinrichs des Löwen
nach seiner Auseinandersetzung mit Kaiser Friedrich Barbarossa
bedeutete das Ende dieses sächsische Stammesherzogtums.
Mehr noch: auch das Ende des alten Stammesnamens, der für
die deutsche Stammesgeschichte einmalig und daher den Laien verwirrende
Wandlung erfuhr.
Eine dynastische Umgruppierung bildete dabei das auslösende
Moment: denn nach dem Sturz Heinrichs des Löwen erhielten die
Landgrafen von Thüringen die Würde des "Sächsischen Pfalzgrafen",
der die Königsgüter in Sachsen zu verwalten hatte. Von ihnen
ging sie hundert Jahre später an die Markgrafen von Meißen
aus der Familie der Wettiner über. Diese hatten seit dem Ende
des 11. Jahrhunderts an der Oberelbe das Siedlungswerk energisch
vorangetrieben, Bauern und Bürgern vor allem aus fränkischen
Gebieten, aber auch vom Niederrhein und aus Flandern in ihre
Markgrafschaft geholt, wo sich die ansässige slawische Bevölkerung
willig anglich und mit ihnen zu einem Neustamm verschmolz,
dem nur ein Name fehlte. Er erhielt ihn durch die Politik
seines Herrschergeschlechts, das sich mit der ihm zugefallenen
Würde des sächsischen Pfalzgrafen nicht zufriedengab, sondern
1423 unter Friedrich dem Streitbaren das alte Restherzogtum
Sachsen erwarb.
Die dynastischen Streitigkeiten und Winkelzüge interessieren uns
dabei nicht. Wohl aber die Tatsache, daß nun der wichtige Name
"Sachsen" auch auf allen anderen Besitzungen der Wettiner
überging, die von Thüringen bis zum Erzgebirge reichten. Schon bald
wurde er dort so heimisch, daß in der Kreisteilung von 1512
eindeutig zwischen Sachsen und Sachsen geschieden werden mußte,
um Verwirrungen zu vermeiden. Deshalb wurde der Rest des alten
Stammesgebietes Sachsen und die dazugehörigen Neusiedelgebiete
östlich der Elbe "niedersächsischer Kreis" genannt und
seine Bewohner Niedersachsen. Dieser Name wiederum wanderte
westwärts über die Weser, wo ihn auch die Westfalen im
Westteil des alten Herzogtums übernahmen. Die wettinischen
Besitzungen aber wurden zum "obersächsischen Kreis". Und seine
Bewohner zeigten sich beharrlich genug, um das "Ober" einfach
zu ignorieren. Sie wurden zu den eigentlichen Sachsen, wie wir
sie heute kennen, während die "echten" Sachsen fortan ihr
"Nieder" behalten mußten.
Untergegangene Stämme. Nicht allen Altstämmen war es wie den
Franken, Sachsen, Baiern und Schwaben gelungen, ihre eigenen
Herzogtümer zu begründen. Das alte thüringische Stammeskönigreich
war, wie wir schon kurz hörten, von den Franken vernichtet
worden. Der Stamm aber blieb in Thüringen erhalten. Um 1130
waren die Ludowinger zu Landgrafen erhoben worden. Symbol
ihrer Macht und ihres Ansehens wurde die von ihnen oberhalb
Eisenachs erbaute Wartburg, wo der Hof der Landgrafen in
staufischer Zeit als einer der bedeutendsten kulturellen Mittelpunkte
des Reiches galt. Die Macht der Landgrafen verhinderte im hohen
Mittelalter die Bildung neuer kleinerer Territorialfürstentümer
auf thüringischem Boden, aber schließlich siegten auch hier die
dynastischen Veränderungen, und die Landgrafschaft wurde zum
Nebenland der erwähnten obersächsischen Wettiner.
Ähnliche politische Schicksale erlebte der Stamm der Hessen, der
seine Herkunft wahrscheinlich von den schon bei Tacitus erwähnten
Chatten ableitet. Die enge Nachbarschaft zu den Franken beeinflußte
sein Wesen, behinderte zugleich aber auch eine eigene
politische Entfaltung. Ursprünglich Teil des fränkischen Herzogtums,
sank das hessische Stammesgebiet schon im ausgehenden
10. Jahrhundert zu politischer Bedeutungslosigkeit herab, bis
dann im Dreieck zwischen Werra und Eder und am Oberlauf der Lahn
die Landgrafschaft Hessen entstand, die nicht nur den
Stammesnamen behielt, sondern auch zur Keimzelle neuer
Landesfürstentümer wurde.
Unter fränkische Herrschaft und fränkischen Einfluß waren auch
die Friesen geraten. Zwar demonstrierten sie mit Deichbau und
Küstenschutz schon früh ihre Tatkraft, erlangten aber nur geringe
politische Bedeutung. Ihr ausgeprägter Freiheitswille führte im
hohen Mittelalter zur Gründung zahlreicher kleiner und kleinster
Bauern- und Seefahrerrepubliken, oft nicht größer als eine
Dorfgemeinschaft und geführt von eigenen Häuptlingen. Trotz solcher
Zersplitterung wußten sie sich erfolgreich gegen fürstliches
Machtstreben zu wehren. Erst 1454 wurde einer ihrer Anführer
zum Grafen von Ostfriesland erhoben und war mächtig genug, einen
Teil des Landes unter seiner Herrschaft zu vereinen. Sein
Traum, aus Ostfriesland ein Großfriesland zu machen und damit
den ganzen Stamm zu einen, ließ sich nicht verwirklichen:
Westfriesland, das Land westlich der Ems, fiel an Burgund und später
an die Niederlande, der Norden ging in Schleswig-Holstein auf.
Alte und neue Stämme. An dieser Stelle können wir einhalten und
Bilanz ziehen.
Aus den Stämmen der Völkerwanderungszeit waren, wie wir hörten,
die großen Herzogtümer erwachsen. Im hohen Mittelalter begann ihr
Zerfall in zahlreiche kleine Territorialstaaten, in deren
Namen sich gelegentlich noch der alte Stamm spiegelte, aus dem
sie hervorgegangen waren. Die Ostkolonisation, die letzte große
Leistung der Altstämme, erschloß aber nicht nur neues Siedlungsland,
sondern führte zugleich auch zur Bildung neuer Stämme. Ein
Musterbeispiel dieser Entwicklung haben wir bereits mit Obersachsen
kennengelernt. Nordöstlich der Elbe waren durch die Askanier in der
sogenannten Markgrafschaft der Prignitz und in der Mittelmark
Einwanderer aus dem Harz und aus dem niedersächsischen und
flämischen Raum angesiedelt worden, die seit dem 12. Jahrhundert
als Brandenburger oder Märker einen weiteren Neustamm bildeten.
Deutsche Neustämme entstanden auch im Zuge jener Siedlungsbewegungen,
die von einheimischen slawischen Fürsten etwa seit dem 12. Jahrhundert
eingeleitet wurden, indem sie deutsche Bauern in ihre Länder riefen.
So folgten niedersächsische und flämische Siedler den Werbungen der
Pommernherzöge an die südliche Ostseeküste etwa zwischen Rügen und der Danziger Bucht
und bildeten hier bald mit der ansässigen westslawischen Bevölkerung den
Neustamm der Pommern. Ebenfalls niedersächsische und flämische Siedler waren es,
die der Obotritenfürst Pribislaw und seine Nachfolger nach Mecklenburg riefen, wo sie sich
mit der einheimischen slawisch-wendischen Bevölkerung vermischten. Der
ostpreußische Neustamm erwuchs aus den baltischen Pruzzen und den eingewanderten
Deutschen, zu denen sich seit dem 15. Jahrhundert noch Masuren und Litauer gesellten.
Nachfahren der von den Piastenfürsten seit dem 13. Jahrhundert beiderseits der mittleren
Oder angesiedelten Bauern und Neubürger aus Franken, Thüringen und Hessen, zum kleineren
Teil auch aus Baiern, Schwaben und Niedersachsen wurden die Schlesier als
jüngster deutscher Stamm. Ihr Name allerdings führt zurück in die germanische Zeit
und leitet sich von dem vandalischen Teilstamm der Silinger ab, die vor der
Völkerwanderung an der Oder siedelten. Unter der Führung der Piastenherzöge, die
ihrerseits mit verschiedenen deutschen Fürstenhäusern versippt waren, trieben
die Kolonisten das Siedlungswerk in der Oderniederung wie an den Gebirgshängen
energisch voran und gründeten bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts bereits
rund hundert Städte und mehr als tausend Dörfer.
Zunehmende Entmachtung und Auflösung der Stämme in der Neuzeit. Gegen Ende
des Mittelalters war die Bildung der Neustämme ebenso abgeschlossen wie
die Auflösung der alten Stammesherzogtümer. Stammesgeschichte wurde von nun an zur
Territorialgeschichte, geprägt von großen, kleinen und kleinsten Dynastien.
Nur gelegentlich besann man sich, wenn es nützlich schien, auf die alten
Stammestraditionen. Aber die unselige politische Zersplitterung des alten
römisch-deutschen Kaiserreiches behinderte den Zusammenschluß und das
Zusammenwachsen der alten und neuen Stämme zur Nation. Noch 1813 klagte Ernst Moritz
Arndt in seinem einst viel gesungenen Lied "Was ist des Deutschen Vaterland?"
über diese nicht zuletzt auch durch die deutschen Stämme verursachte Aufsplitterung.
Die so lange herbeigesehnte Einigung nach 1871, bei der auch die verschiedenen
Stammeseigenarten noch einmal sehr deutlich beschworen worden waren,
brachte nur für ein paar Jahrzehnte eine gemeinsame Ordnung.
Anton von Werner: Proklamation Kaiser Wilhelms I. (Gründung des Deutschen Reichs) am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles
Der katastrophale Ausgang des Zweiten Weltkriegs führte nicht nur zur erneuten
politischen Teilung der deutschen Nation (verbunden mit millionenfacher Flucht und
Vertreibung), sondern auch zur Herauslösung von Neustämmen oder deren Teilen aus
ihren jahrhundertealten Wohnsitzen. Das gilt besonders für die Ostpreußen
und Schlesier, aber auch für die Deutschen aus den Randgebieten Böhmens und
Mährens, einstmals Siedler aus Bayern, Obersachsen und Schlesien, die seit
ihrer Vertreibung als eine Art "Neustamm" gesehen werden, wenn etwa heute in
Bayern neben Altbayern, Franken und Schwaben von den Sudetendeutschen als
dem "vierten bayerischen Stamm" gesprochen wird.