Das Stift stand den neuen Ideen der Reformation ablehnend
gegenüber. Erst 1554 stimmte Friedrich II. der Anstellung eines
protestantischen Pfarrers zu, in Heidelberg und Neustadt wurden
abwechselnd katholische und protestantische Gottesdienste gehalten.
Mit dem Beschluß des Augsburger Religionsfriedens 1555
"cuius regio, eius religio", bestimmte fortan der Landesherr den
Glauben seiner Untertanen. Friedrichs Nachfolger, Kurfürst
Ottheinrich, führte 1556 das Luthertum ein, starb jedoch schon
1559 kinderlos. Der nächste Kurfürst Friedrich III.
(aus der Linie Simmern-Sponheim) führte dann 1561 nach und nach
den Calvinismus in der Kurpfalz ein. 1563/64 wurde die Stiftskirche
der protestantischen Gemeinde zur ausschließlichen Nutzung
übergeben. Nach 1565 blieb der reiche Reliquienschatz
verschwunden. Ein glanzloses Ende fand das, zwei Jahrhunderte nach
seiner Gründung inzwischen wirtschaftlich desolate Stift durch
die Aufhebung 1566, die Stiftsherren wurden vertrieben und der
Stiftsbesitz der geistlichen Güteradministration in Heidelberg
zugewiesen.
Mit dem 17. Jh. begann für Neustadt eine bittere und
entbehrungsreiche Zeit. Während des 30-jährigen Krieges
erlebte Neustadt sechsmal wechselnde Eroberer, unter deren Herrschaft
sich auch die konfessionelle Zugehörigkeit jedesmal
änderte.
1622 eroberten spanische Truppen Neustadt. Mit ihnen kamen die
Jesuiten, gründeten 1623 ein Kolleg, bekamen 1625 zunächst
den Chor, dann die gesamte Kirche, um ihren katholischen Gottesdienst
zu feiern. 1632 eroberten die Schweden die Stadt, worauf Jesuiten
und Kapuziner flohen, nur zwei Jahre später kehrten die Spanier
zurück und etwas später auch die Jesuiten. Die mit den
Protestanten verbündeten Franzosen besetzten die Stadt,
erlaubten den Jesuiten jedoch zu bleiben. 1640 war Neustadt in
kaiserlicher Hand, 1641 unter bayrischer und kaiserlicher Besatzung,
1644 erneut von den Franzosen erobert.
Nach Beendigung des Krieges wurde im westfälischen Frieden 1648
für gemischt konfessionelle Gebiete das Jahr 1624 als Normaljahr
(die Konfession dieses Jahres in dem entsprechenden Gebiet hatte
Gültigkeit) beschlossen, für die Kurpfalz wurde jedoch das
Jahr 1618 angesetzt, so daß der reformierte Glaube für
dieses Territorium galt.
Aber schon 1685 erlosch die Kurlinie Simmern, als Nachfolger kam mit
Johann Wilhelm ein überzeugter Katholik aus der Linie Neuburg
in die Kurwürde. Die Neustadter baten um freie
Religionsausübung, die ihnen vom Kurfürsten auch
zugesichert wurde. Den Lutheranern erlaubte er sogar den Bau einer
eigenen Kirche in der Mittelgasse, die aber erst 1699 vollendet
wurde, immer wieder verzögert durch den pfälzischen
Erbfolgekrieg. Wo immer es nur möglich war, unterstützte
der Kurfürst jedoch die Katholiken.
Als dann die französischen Truppen 1688 im pfälzischen
Erbfolgekrieg Neustadt besetzten, richteten sie erneut katholische
Gottesdienste ein und erklärten die Stiftskirche für
simultan. Die Gottesdienstzeiten wurden so eingeteilt, daß
morgens von 7.00 - 8.30 die Reformierten, anschließend die
Katholiken und dann die Lutheraner ihre Gottesdienste abhalten
konnten. Es war aber kein friedliches Miteinander, im Gegenteil,
man hat sich gegenseitig das Leben schwer gemacht, wo man nur
konnte.
1700 wurden die Jesuiten vom Kurfürst wieder nach Neustadt
berufen und die Stiftskirche und das Casimirianum in ihren Besitz
übergeben. Jeglicher Protest der Protestanten beim Kurfürst
war vergebens. Unter Zwangsmaßnahmen wurde die
Rekatholisierungspolitik vorangetrieben. Erst nach Intervention des
Königs von Preußen war der Kurfürst zu Verhandlungen
bereit.
So kam dann nach zähem Ringen 1705 die Religionsdeklaration
zustande, die völlige Religionsfreiheit gewährte,
Zwangsbekehrungen untersagte, Protestanten wieder zu
Magistratsämtern zuließ und den Simultangebrauch der
Kirchen aufhob. Wo zwei Kirchen bestanden, sollte eine den Katholiken
überlassen werden, bei einer Kirche Chor und Schiff durch eine
Mauer getrennt werden. Besitzungen, die den Reformierten vor 1685
gehörten, mußten zurückgegeben und das
Kirchenvermögen geteilt werden.
Die Katholiken bekamen den Chor, die Protestanten das Schiff, das
Casimirianum wurde zurückgegeben. 1708 wurde die Mauer
errichtet, nach Protest der Katholiken nochmals eingerissen und nach
einem gerichtlichen Vergleich an derselben Stelle erneut gebaut. Es
gab damit zwar keinen Frieden zwischen den Konfessionen, aber die
Streitigkeiten innerhalb der Stiftskirche hatten wenigstens
ein Ende.
Seit dieser Zeit hat sich an dieser Besitzregelung nichts
geändert. Als die katholische Gemeinde immer größer
und der Chor zu klein wurde, hat die protestantische Gemeinde ein
Kaufangebot der Katholiken für das Langhaus abschlägig
beschieden, woraufhin die Katholiken 1860 - 1862 die Marienkirche
mit finanzieller Hilfe König Ludwigs I. bauten. Ein dann
erfolgter Vorschlag der Protestanten die Kirchen zu tauschen, wurde
von den Katholiken abgelehnt. Im Zuge der Ökumene wurde jedoch
1984 eine Tür von der (seitdem gemeinsam genutzten) Sakristei
in den protestantischen Teil gebrochen und somit zum ersten Mal seit
fast 300 Jahren wieder eine Verbindung hergestellt.
Nun zurück zur Ausstattung des Chores. Nach dem endgültigen
Bau der Trennmauer begannen die Jesuiten den Chor nach barockem
Zeitgeschmack auszugestalten. Der bedeutendste Rest ist der
monumentale Hochaltar, eine Arbeit der Mannheimer Schule (1745 - 47),
nach dem Vorbild des Petersdomes in Rom gefertigt und religiöse
Themen der Jesuiten darstellend.
Der dreiteilige Aufbau gliedert sich in eine Sockelzone mit Altar
und silbernem Drehtabernakel, einen Mittelteil, der auf dem mit
Säulen umstandenen Altarbild die "immaculata conceptio"
(von den Jesuiten besonders geförderte Verehrung der
Gottesmutter als ohne Erbsünde empfangene Jungfrau) zeigt, und
dem Oberteil mit einer Engelsgloriole und dem Symbol des Auges
Gottes, ohne den es kein Heil gibt. Über dem
abschließenden Baldachin steht die Figur des Guten Hirten, der
das gerettete Schäflein über den Schultern trägt,
schon seit der Antike die Darstellung Christi und von den Jesuiten
aus Rom mitgebracht.
Die Figuren stellen neben dem hl. Joseph, der den Jesusknaben auf dem
Arm hält und als Schutzpatron der Kurpfalz gilt, die drei
Heiligen dar, die die drei wichtigsten Sakramente versinnbildlichen,
die jeder Katholik in seinem Leben erhält.
Dem hl. Joseph gegenüber steht der hl. Johannes
Nepomuk, Patron der Weinberge und des Beichtgeheimnisses, das
Sakrament der Buße darstellend. Das Kind zu seinen
Füßen verschließt mit der Hand den Mund und weist
auf das Schicksal des Heiligen hin, der von König Wenzel
für die Wahrung des Beichtgeheimnisses der Königin in die
Moldau gestürzt wurde.
Über ihm steht der hl. Franz Xaver, der erste Missionar der
Jesuiten, der hier ein Inderkind tauft und somit das Sakrament der
Taufe verdeutlicht.
Über dem hl. Joseph findet sich, eine Monstranz
hochhebend, der heiliggesprochene Franz Borgia, dritter Ordensgeneral
der Jesuiten, der hier das Sakrament der Eucharistie
verkörpert. (Nach Herrn Jöckle durch das Attribut der
Monstranz eher zutreffend, als der an anderer Stelle erwähnte
Ignatius von Loyola.)
Auf den ursprünglichen Patron der Kirche, den hl. Aegidius,
wird im Dreiecksgiebel mit einem Schild, das seinen Namenszug
trägt, verwiesen.
An der nördlichen Wand ist die hl. Anna zu sehen mit einer
Lilie in der Hand, die wiederum auf die unbefleckte Empfängnis
hinweist. Sie lehrt Maria das Lesen, wobei sie, auf der Weltkugel
kniend, der Schlange auf den Kopf tritt. Mit der sinnbildlichen
Darstellung der Befreiung von der Erbsünde wird hier sozusagen
Genesis illustriert.
Auf der anderen Seite an der südlichen Kapellenseite steht eine
Statue des hl. Michael, der als Verteidiger des rechten
Gottesglaubens kämpft.
An der südlichen Seitenwand ein weiterer Jesuitenheiliger, der
hl. Aloisius, der Patron der studierenden Jugend (nach Herrn
Jöckle eher zutreffend, als der an anderer Stelle
erwähnte hl. Aegidius).
Die Kanzel stammt aus der Pfarrkirche von Imsweiler, das
Orgelgehäuse aus der katholischen Kirche von Rheinsheim/Baden,
beides Werke aus dem Spätbarock und stilistisch zur Ausstattung
passend.