Gesprochene und geschriebene Sprache
Wo Menschen miteinander leben, haben sie auch eine gemeinsame Sprache. Denn
damit sie zusammenwirken können, müssen sie sich durch Sprache verständigen.
Soziologen haben für das Zusammenleben und -wirken den Begriff
"Verkehrsgemeinschaft" geprägt. Für die Menschen, die darin leben,
ist "Kommunikation" unerläßlich, und das erzwingt geradezu eine
gemeinsame Sprache. Die eigene Familie ist die engste Verkehrs- und
Sprachgemeinschaft. Aber jeder Mensch verkehrt auch in größeren Gemeinschaften,
der Gemeinde, der Stadt, der Landschaft. Man hat in diesen engeren
oder weiteren Gruppen viel Gemeinsames miteinander, hat die gleichen Sitten
und Gebräuche, wirtschaftet nach gleichem Muster, feiert die gleichen Feste,
hat überhaupt viele gemeinsame Interessen. Die Sprache wird durch diese
gemeinsamen Bedürfnisse geprägt. Wer im Gebirge lebt, dem ist die Seefahrt
fremd und er hat deshalb in seiner Sprache auch kaum Ausdrücke dafür, und
wer an der Meeresküste wohnt, braucht sich nicht über Gemsjagd und
Almwirtschaft zu verständigen. So entstehen regionale Sprachen, die
von den Lebensbedingungen und Lebensformen geprägt werden. Man nennt
sie "Mundarten" oder "Dialekte". In der Regel
bleiben sie "schriftlose Sprachen", weil das Alltagsleben
keiner Schrift bedarf.
Dorf und Landschaft aber stehen in einem größeren politischen Verband;
sie sind Teile eines großen Staates, in dem "Nationalsprachen"
entstanden, die sich über die einzelnen Mundarten erhoben. Dadurch wurde
es notwendig, aufkommende Bedürfnisse überregional zu regeln und
sie schriftlich zu fixieren.
Was gesprochen wird, ist rasch verklungen; nur das Geschriebene hat Dauer.
Darum kann sich die Darstellung der Geschichte einer Sprache nur auf
geschriebene Zeugnisse stützen. Nur an ihnen kann man zeigen, wie sich
eine Sprache im Laufe der Jahrhunderte verändert. Das bedeutet aber auch
Einschränkungen. Weil nämlich die Sprache des Alltags, die Mundart, der
Niederschrift selten gewürdigt wurde, wissen wir nur wenig über die
Alltagsrede jeder Zeit. In der "Schriftsprache" erfassen
wir nun eine Sprachform, die über die täglichen Bedürfnisse
hinausgeht, eine Sprache, in der abstrakte Vorstellungen ausgedrückt
werden, in der man philosophieren und über höchste Dinge nachdenken
kann, und in der die Schriftsteller ihre Werke gestalten können.
Diesen hohen Stand haben die Kultursprachen in Ost und West längst
alle erreicht. Doch steht die Einheit der Schriftsprachen fast überall
nur auf dem Papier. Denn lange, bevor wir in der Schule schreiben
lernen, haben wir unserer Mutter die gesprochene Sprache mit all
ihren Eigenheiten abgelauscht. Damit haben wir Sprachgewohnheiten
angenommen, die wir im Laufe unseres Lebens nur sehr schwer ablegen.
Mag ein Deutscher immer "hochdeutsch" reden, die meisten
verraten, sobald sie den Mund aufmachen, durch die Lautbildung
und vor allem die Satzmelodie, den Tonfall, aus welcher Landschaft
sie stammen. Seit dem Anfang dieses Jahrhunderts gibt es zwar
genaue Vorschriften, "Normen", für die "Bühnenaussprache"
oder - wie es heute heißt - die "Hochlautung". Bislang hat es nicht
viel genützt. Da aber Schauspieler und Rundfunksprecher die Norm
beherrschen, ist anzunehmen, daß auch die hochdeutsche Aussprache
allmählich so einheitlich werden kann, wie es die Schrift
längst ist.
Die Entstehung der deutschen Sprache
Auf deutschem Boden fingen gelehrte Schreiber ungefähr um das Jahr 750
an, Texte in der Sprache des eigenen Volkes zu schreiben. Vorher hatten
sie jahrhundertelang nur lateinische Texte abgefaßt oder
abgeschrieben. So können wir heute auf zwölf Jahrhunderte schriftlicher
und seit dem 15. Jahrhundert auch gedruckter Überlieferung
zurückblicken. Das bedeutet zwölf Jahrhunderte deutscher
Sprachgeschichte.
Wurde aber wirklich um 750 schon "deutsch" geschrieben, und
hat Karl der Große, als er im Jahre 768 zum König der Franken
gekrönt wurde, sein Heer schon "auf deutsch" begrüßt?
Karl wurde auf einer der reichen Besitzungen seiner Familie im
oberen Moseltal, in der Gegend um Metz, geboren, und er selbst
nannte seine Muttersprache "fränkisch". Er beherrschte
ein gewaltiges Reich, fast ganz Frankreich, das schon seine
Vorfahren den Römern abgewonnen hatten, Oberitalien und das
germanische Land bis an die Elbe und die Saale. Der germanische
Frankenstamm hatte die anderen Germanenstämme, die Alemannen
und Baiern, und Karl selbst dazu noch die Sachsen unterworfen.
Sie gehörten seither zum Frankenreich, aber ihr Streben nach
Selbständigkeit war ungebrochen, und ihre Sprachen nannten sie
"fränkisch, alemannisch, bairisch" und "sächsisch".
Im Westen und Süden des Reiches sprachen die Einheimischen
wie schon vor der fränkischen Eroberung immer noch die
"Lingua Romana", die Sprache Roms. Die Germanen
konnten diese fremde Sprache nicht verstehen, wohl aber verstanden
sie sich trotz ihrer verschiedenen Mundarten untereinander.
Darum nannte Karl in seinen (lateinisch geschriebenen) Urkunden
und Erlassen diese Sprachen die "Lingua theudisca".
Das war ein künstlich gebildetes Wort, abgeleitet von germanisch
"theuda" = "das Volk", bedeutet also
"die Sprache des eigenen Volkes" im Gegensatz zu der
Sprache der Romanen. Erst um das Jahr 1000 tauchte die Bezeichnung
"in diutiscun", d.h. "auf deutsch" auf.
Der gelehrte Alemanne, der so schreibt, hat also begriffen, daß
fränkisch, bairisch, alemannisch und sächsisch nur besondere Formen
einer gemeinsamen Sprache sind.
Deutlich erkennt man hier die Wirkung der Verkehrsgemeinschaft
in einem politischen Großraum. Denn nachdem das weite Frankenreich
unter den Nachfolgern Karls des Großen mehrmals aufgeteilt wurde,
entstand in seinem Ostteil die große politische Einheit, aus der
das Reich der Deutschen hervorgehen sollte. Die politische Verbundenheit
führt zu einem Gefühl der Einheit. Die einzelnen Stämme erkennen,
daß sie zwar etwas Eigenes darstellen, daß sie aber alle einem
Reich angehören und deshalb auch nach außen hin gemeinsame Interessen
zu wahren haben.
Dabei ist die Entstehung der gemeinsamen Sprache innerhalb des
politischen Großraums vor allem auf den kulturpolitischen Willen
Karls des Großen zurückzuführen. Immer wieder schärfte er den hohen
Geistlichen ein, sie sollten für die Ausbreitung und Vertiefung des
Christentums sorgen, und sie sollten die christliche Lehre in den
Landessprachen verkünden. Das war im Westreich nicht allzu schwierig,
wo ja die Sprache Roms, wenn auch in gewandelter Form, noch weiterlebte.
Im germanischen Osten war dazu aber eine gründliche Neugestaltung
der Sprache nötig. Denn die vor kurzem noch heidnischen Stämme
kannten die christlichen Glaubensvorstellungen und die Lehre noch kaum.
Tausende von neuen Wörtern mußten gefunden werden, um die lateinischen
Texte der Bibel und der Kirchenlehrer in die Volkssprache zu übertragen,
und diese äußerst schwierige Aufgabe hatten die vier Stämme gemeinsam
zu lösen. So entstand aus den vier noch heidnisch geprägten
Stammessprachen die christliche deutsche Kultursprache und gleichzeitig
auch das Bewußtsein der Gemeinsamkeit, das mit dem Wort "deutsch"
ausgedrückt wird.
Wollten wir sehr genau sein, so dürften wir für die ersten drei
Jahrhunderte unserer Sprachgeschichte noch nicht von einer deutschen
Sprache reden. Aber Karl der Große hat den politischen Raum geschaffen,
der zum Sprachraum wurde, und er hat die große kulturelle Aufgabe
gestellt, die die vier Stämme gemeinsam bewältigten. So rechnen wir
auch für diese Zeit bereits mit einer deutschen Sprache; denn es
ist die Zeit des "werdenden Deutsch".
Die Perioden der deutschen Sprachgeschichte
Zwölf Jahrhunderte sind eine lange Zeit, in der mancherlei Veränderungen
in der Sprache vorgehen. Schon wenige Zeilen aus dem Vaterunser können
das zeigen.
Um 825 schreibt ein Mönch im Kloster Fulda:
si giheilagot thin namo, queme thin rihhi, si thin willo, so her in
himile ist, so si her in erdu.
Im Kloster Milstatt in Kärnten lautet derselbe Text um 1200:
geheiliget werde din name. zuchom uns din rich. din wille werde
hie uf der erde als da ze himele.
In Luthers Bibeldruck von 1544 heißt es:
Dein Name werde geheiliget. Dein Reich kome. Dein Wille geschehe
auff Erden wie im Himel,
und so steht es auch heute noch, mit geänderter Rechtschreibung,
in den Ausgaben der Luther-Bibel.

Die erste vollständige Bibelübersetzung von Martin Luther 1534, Druck Hans Lufft in Wittenberg, Titelholzschnitt von Meister MS
Man erkennt sofort, daß die Entwicklung der Sprache in Stufen vor
sich geht. Die vollen Endvokale des Textes von 825 (namo, willo,
erdu, rihhi, giheilagot) sind um 1200 zu "e" geworden
oder verschwunden (name, wille, erde, rich, geheiliget). Aber das
lange "i" der betonten Silbe (din, rihhi) zeigt sich
erst bei Luther als "ei" (dein, Reich), wie wir es heute
noch sprechen. Auch Wortlaut und Wortfolge der drei Texte sind
verschieden; aber darauf wollen wir nicht eingehen.
Um auch das Nacheinander solcher Veränderungen richtig einordnen
zu können, teilt man die Geschichte der deutschen Sprache in
vier Perioden ein:
- Das Althochdeutsche (etwa 750 bis 1050)
- Das Mittelhochdeutsche (etwa 1050 bis 1350)
- Das Frühneuhochdeutsche (etwa 1350 bis 1650)
- Das Neuhochdeutsche (etwa seit 1650)
In ihren Grundzügen geht diese Einteilung auf Jacob Grimm
(1785-1863) zurück, den älteren der beiden Brüder, denen wir
die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen verdanken. Er war
ein bedeutender Gelehrter und der Begründer der deutschen
Sprachwissenschaft. Allerdings hielt er Martin Luther
(1483-1546) für den eigentlichen Schöpfer des Neuhochdeutschen.
Darum setzte er die Grenze zwischen Mittel- und Neuhochdeutsch
um das Jahr 1500 an. Viel später erst wurde erkannt, daß Luther
eine Entwicklung auf die Höhe führte, die schon viel früher
begonnen hatte. Deshalb wird heute die Periode 3
"Frühneuhochdeutsch" als eine eigene, selbständige
Sprachperiode in das anfangs nur dreiteilige Schema eingeschoben.
Lautgeschichte als Einteilungsprinzip
Jacob und Wilhelm Grimm waren überzeugt, daß man die Sprachperioden
allein nach den äußerlichen Merkmalen der Lautentwicklung einteilen
könne. Das reicht zwar, wie wir heute wissen, bei weitem nicht
aus. Doch liegen darin Möglichkeiten, einen unbekannten Text zeitlich
und oft auch räumlich wenigstens vorläufig einzuordnen.
Vor allem lassen sich die drei hochdeutschen Stammesmundarten auf Grund
des Lautbestandes von den niederdeutschen (dem "Altsächsischen")
unterscheiden. Die oben zitierten Gebetszeilen lauten z.B. im
altsächsischen "Heliand", der um 840 entstand, wie folgt:
Gewihid si thin namo. Cuma thin craftag riki. Werda thin willeo
so sama an erdo, so thar uppe ist an them hohon himilrikea.
Im Vergleich mit dem althochdeutschen Text nimmt man mancherlei
Unterschiede wahr, auch in der Wortwahl (giheilagot : gewihid =
"geweiht") und in den Endungen (queme, willo, erdu :
cuma, willeo, erdo). Aber wichtiger sind die Lautunterschiede,
die besser im Vergleich mit dem Text von 1200 zu erkennen sind.
Statt "rich" und "uf" hat der Heliand
"riki, uppe". Und gegenüber dem "zuchome"
steht in einem altenglischen Text "tobecume". Aus den
germanischen Lauten "p,t,k", die das Altenglische
und das Altsächsische behalten haben, sind im Fränkischen,
Alemannischen und Bairischen nach bestimmten Regeln andere
Laute entstanden. Man nennt diesen Vorgang die "althochdeutsche
Lautverschiebung", und nennt die drei Mundarten, in
denen diese Veränderungen vorkommen, die "hochdeutschen"
Mundarten. Daß wir heute hochdeutsch "Wasser, schlafen,
Küche" sagen, wo es niederdeutsch "Water, slapen,
Köke" heißt, ist eine Folge der Lautverschiebung. Das
Niederdeutsche hat die alten "p,t,k" bis heute zäh
festgehalten. Deshalb ist es, obwohl es an der deutschen
Verkehrsgemeinschaft seinen Anteil hat, niemals
"hochdeutsch" geworden, und auch die hochdeutschen
Sprachperioden lassen sich nicht auf das Niederdeutsche
anwenden.
Über die Lautveränderungen des Hochdeutschen ist bereits oben
bei Erörterung der drei Beispiele das Wichtigste gesagt worden.
Althochdeutsch heißt die Periode, in der die vollen Vokale
der unbetonten Silben noch erhalten sind, mittelhochdeutsch
diejenige, in der diese Vokale zum unbetonten "e"
geworden sind, die Vokale der betonten Silben aber noch
unverändert waren. Im Frühneuhochdeutschen werden dann drei
alte Vokale zu Zwielauten (min nüwes hus wird zu mein neues
Haus) und umgekehrt werden drei alte Zwielaute (li-eben
guoten brüeder) zu Langvokalen (liebe gute Brüder).
Einige weitere Lautveränderungen müssen wir unerwähnt lassen,
und zwischen Frühneuhochdeutsch und Neuhochdeutsch lassen
sich überhaupt keine charakteristischen Lautunterschiede
angeben. Im übrigen gelten sie nur für die Schriftsprache,
nicht aber für die Mundarten. In der Schweiz (Schwizer
Dütsch) und zwischen Schwarzwald und Vogesen werden noch
heute die alten Langvokale gesprochen, und in den
südbaierischen Mundarten (liab, guat) hören wir immer noch
die alten Zwielaute.
Historisch-politische Grundlagen der Sprachgeschichte
Wenn man eine Sprache nach der Veränderung ihrer Laute
beschreibt, stellt man nur den äußeren Verlauf dar. Jede
Sprache hat aber auch ihre innere Entwicklung, die sich
im politische Raum und unter sozialen Wandlungen abspielt.
Der deutsche Sprachraum blieb in seinen äußeren Grenzen
bis tief in die mittelhochdeutsche Sprachperiode hinein
unverändert. Die beiden neuhochdeutschen Perioden beruhen
dagegen auf neuen politischen Grundlagen, die sich
hauptsächlich in der Zeit von 1250 und 1350 herausbildeten.
Mit dem Untergang des Herrschergeschlechts der Staufer
(1254) nimmt auch die Einheit des alten deutschen Reiches
ihr Ende. Schon lange hatten die vielen kleineren Fürsten,
die Herzöge und Grafen, die Bischöfe und die Fürstäbte, nach
Unabhängigkeit gestrebt. Jetzt - in der Zeit des Interregnums
- hatten sie keinen königlichen Herrn mehr über sich, und das
Reich zerfiel in Dutzende von kleinen Territorien, die alle
eifersüchtig über ihre landesherrliche Selbständigkeit
wachten.
Ferner hatte während der Stauferzeit eine gewaltige Wanderung
von deutschen Siedlern in die slawischen Lande östlich
von Elbe und Saale eingesetzt. In diesem weiten Raum
entstanden, teils unter einheimischen, zum Teil auch unter
deutschen Fürsten gut organisierte, modern verwaltete Staaten,
wie z.B. Brandenburg, Obersachsen, Böhmen, Schlesien,
Preußen. Das waren junge Staatsgründungen auf Kolonialboden,
die die altmodisch geführten Kleinstaaten des Altreichs
an Macht und Einfluß bald weit übertrafen. Das zeigte
sich deutlich, als im Jahre 1346 der Luxemburger Karl IV.
zum deutschen König gewählt wurde. Von den böhmischen
Luxenburgern ging ein Jahrhundert später die Königs- und
Kaiserwürde auf die österreichischen Habsburger über
und verblieb bei dieser Dynastie, bis das Reich sich
1806 auflöste.
Seit etwa 1200 wurden auch mehr und mehr Städte auf altem
und kolonialem deutschen Boden gegründet. Damit kündigte
sich allmählich der Übergang von der mittelalterlichen
Agrarwirtschaft zu städtischen Wirtschaftsformen an.
Um die Macht der Städte und ihren Reichtum zu ermessen,
braucht man nur an die großen Hansestädte zu denken,
wie Lübeck, Stralsund, Danzig und Riga. Aber auch
Köln, Straßburg, Basel, Augsburg, Nürnberg und andere
Städte im Altreich gelangten zu großem Einfluß.
Ohne Kenntnis dieser politischen Vorgänge kann man den
Entwicklungsgang der deutschen Sprache nicht verstehen,
der nicht ungestört verlaufen ist. Was Karl der Große
eingeleitet hatte, führte in der Blütezeit der mittelhochdeutschen
Periode (um 1200) schon zu einer nahezu einheitlichen
Schriftsprache, die aus den Mundarten des Altreiches
mit leichtem Übergewicht des Alemannischen entstanden war.
Aber diese Tradition war noch nicht genügend gefestigt, und
als das Stauferreich unterging, zerfielen mit der
politischen Einheit auch die Ansätze zu einer einheitlichen
Hochsprache, verging die Blüte der mittelhochdeutschen Sprache
rasch. Überall in den geschriebenen Texten tauchten wieder
die grobmundartlichen Formen der einzelnen Landschaften auf.
So bedurfte es eines neuen Anfangs, und nun verlagerte sich auch
das Gewicht des sprachlichen Einflusses nach Osten. Die neue
Einheitsbewegung nahm ihren Ausgang von der Reichskanzlei
in Prag und wirkte in der Wiener und in der obersächsischen
Meißener Kanzlei weiter. Luther brachte dann die Schreibformen
der Meißener Kanzlei, nach denen er sich richtete, in Führung.
So entstand allmählich eine neue, einheitliche Schriftsprache.
Unser Deutsch beruht deshalb nicht auf den sprachlichen
Traditionen des Altreichs, sondern auf dem Schreibgebrauch
des ostmitteldeutschen Koloniallandes.
Wir haben also die vier Perioden der deutschen Sprachgeschichte
zu zwei großen Epochen zusammenzufassen:
- Altdeutsch, das den alt- und mittelhochdeutschen Zeitraum
umfaßt und aus den hochdeutschen Mundarten des Altreichs
entwickelt wurde,
- Neudeutsch, seit etwa 1350 (Karl IV.; Prager Kanzlei)
auf ostmitteldeutschem Kolonialboden entstanden.
Dieses Neudeutsch allerdings beruht nicht unmittelbar auf
den gesprochenen Mundarten. Es ist vielmehr aus den
längst vorhandenen Schreibtraditionen der großen
Kanzleien entstanden, die zwar landschaftlich gebunden sind,
aber von Anfang an grob mundartliche Formen zu vermeiden
suchen.
Kulturelle und soziale Grundlagen
Niedergeschrieben wird, was die Zeit bewegt, und
die kulturellen und geistigen Interessen wechseln
im Lauf der Zeiten. In unserer heutigen Sprache
haben sie alle ihre Spuren hinterlassen.
In althochdeutscher Zeit ist die Aneignung des
Christentums die große Aufgabe, und die sprachliche
Leistung dieser Zeit besteht darin, die deutsche Sprache
zum Ausdruck geistiger Inhalte bereitet und ihr einen
Platz im Kreise der christlich- abendländischen
Kultursprachen errungen zu haben.
Was einmal begonnen hat, wirkt weiter, und die religiöse
Auseinandersetzung bereichert unsere Sprache bis heute.
Aber in mittelhochdeutscher Zeit kommt Neues hinzu.
Das Interesse am irdischen Weltgeschehen erwacht, und
eine Zeitlang steht die höfische Dichtung mit ihren
Erzählungen von Rittertat und -sitte und mit ihren
Minneliedern im Mittelpunkt der sprachlichen
Weiterentwicklung.
Auf der Grenze zum Frühneuhochdeutschen gewinnt dann
eine neue religiöse Bewegung auch sprachlich den
Vorrang. In der Scholastik wird die Theologie
zur Wissenschaft ausgebaut. Scholastische und
darüber hinausstrebende mystische Schriften legen
den Grund zu einer deutschen Wissenschaftssprache.
Zugleich entsteht eine volkstümliche, religiöse
Erbauungsliteratur, die bis in die Reformationszeit
weiterwirkt.
Ein Bild vom Sprachzustand des Frühneuhochdeutschen
gewinnen wir aus den Lehr-, Erbauungs- und
Unterhaltungsschriften, die diese schreibselige Zeit
in Fülle hervorbrachte. Vor allem aber sind es
bis zum Auftreten Luthers die vielen tausend Urkunden
der großen Kanzleien, in denen die deutsche Sprache
weiterentwickelt wird. Mit der Erfindung der
Buchdruckerkunst (um 1450) kommt ein neues einigendes
Element hinzu. Denn Kanzleien und Drucker haben das gemeinsame Interesse, ihre Sprache so zu gestalten, daß sie überall
verstanden wird. Das führte zur Aufnahme möglichst vieler überregionaler, nicht
dialektgebundener Sprachformen.
So fand Luther in der Sprache der Meißener Kanzlei bereits Schreibformen vor, die weithin
bekannt waren. Seine und seiner Parteigänger Schriften wurden überall gelesen. Bald wurde
das "Meißnische Deutsch" im ganzen Sprachgebiet verstanden, allerdings nicht überall
angenommen. Im katholischen Süden wurde ihm noch lange die "Reichssprache" der Wiener Kanzlei
entgegengesetzt, und Köln blieb bei seinem mittelfränkischen Schriftdialekt.
Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) bedeutet auch kulturell einen tiefen Einschnitt.
Danach lebt - im Zeitalter des Absolutismus - die Fürstenherrlichkeit noch einmal auf. Aber
die Sprache der Höfe ist französisch. Das Meißnische Deutsch wird vornehmlich von
protestantischen Geistlichen, Gelehrten und Dichtern gepflegt. Als dann die "Grundlegung
einer deutschen Sprachkunst" des Leipziger Professors Gottsched auch in Österreich als
Lehrbuch der deutschen Sprache anerkannt wird, ist der Weg zu einer einheitlichen deutschen
Schriftsprache geebnet. Zu ihrer vollen Ausbildung tragen dann die Dichter und Denker
von Lessing bis Goethe das meiste bei. Sie und ihre Zeitgenossen legen den Grund zu der
allgemeinen Schriftsprache des 19. Jahrhunderts.
Aber das ist nicht das Ende der Entwicklung. Das wechselvolle Leben in der Großstadt, die
Übermacht der Technik, das Eingreifen der Wissenschaft in alle Lebensbereiche, das Gewicht
der Verwaltung und die internationalen Verflechtungen haben auch sprachlich zu neuen Wegen
geführt, die uns von der Schriftsprache der Klassiker schon wieder weit entfernt haben.
Daß der Zeitgeist sich in der schriftlichen Hinterlassenschaft der Jahrhunderte kundtut,
ist sicher. Aber man hat auch den soziologischen Aspekt zu bedenken. Welchen Standes sind
die Schreibenden, und für welchen Leserkreis schreiben sie? Schon das Schreiben selbst
ist eine Kulturerrungenschaft, und bis in unsere Zeit hinein blieb es ein Vorrecht
privilegierter Stände. Die Schulen waren in der altdeutschen Epoche ganz in geistlicher
Hand und dienten der Ausbildung der Geistlichkeit. Erst in frühneuhochdeutscher Zeit
gesellten sich in ständig wachsender Zahl die bürgerlichen Schulen der Städte hinzu. Aber
auch sie waren Standesschulen, die nicht jedermann offenstanden. Die allgemeine Schulpflicht
wurde erst nach 1870 bis in den letzten Winkel durchgesetzt, und erst seit wenigen
Jahrzehnten stehen jedem Begabten - unabhängig von finanziellen Mitteln und sozialem
Status - die Wege zur höheren Schulbildung und zu den Hochschulen offen.
Den Bildungsmöglichkeiten entsprechend, haben die sozialen Gruppen an der Herausbildung
unserer Schriftsprache unterschiedlichen Anteil gehabt. In althochdeutscher Zeit schrieben
nur Geistliche für Geistliche. Aber die Geistlichkeit stammte damals ausschließlich aus
den Adelsgeschlechtern, und auch die höfischen Dichter und die Mystiker der
mittelhochdeutschen Periode gehörten dem Adelsstande an und schrieben für adelige
Leser und Zuhörer. So hatte in der altdeutschen Epoche die Adelsgesellschaft wie in
allen anderen Bereichen auch im deutschen Schrifttum die Führung.
Das wird anders in der frühneuhochdeutschen Zeit. Die Städte gewinnen an Gewicht, und die
Stadtbürger gelangen zu Selbstbewußtsein. Von da an kommen die meisten Schreibenden,
z. B. auch Luther mit seinen Parteigängern und Gegnern, aus stadtbürgerlichen Kreisen.
Bürgerlicher Bildung dienen auch die Universitäten, deren älteste, die deutsche Universität
in Prag, 1348 gegründet wurde. Die meisten Autoren, die seitdem durch ihre Schriften an
der Gestaltung unserer Sprache mitwirkten, hatten studiert und übten bürgerliche Berufe
aus. Gewiß verstummte der Adel nicht; aber er paßte sich der neuen, breiteren Bildungsschicht
an. In der neudeutschen Epoche herrscht die Sprache des Bürgers.
Sprache der Gegenwart
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann in Deutschland die
Industrialisierung. Mit den Arbeitermassen, die die Industrie aus den damals übervölkerten
Landgebieten anzog, entstanden mit unvorstellbarer Geschwindigkeit die neuen
Großstädte. Im Jahre 1870 gab es im Reichsgebiet nur acht Städte mit mehr als
100.000 Einwohnern, bis 1910 war ihre Zahl auf 48 angewachsen. Die Neubürger, mittellos
zugewandert, hatten in bitterer Not um ihren Lebensunterhalt zu ringen. Die sozialen
Spannungen, die sich daraus ergaben, brauchen hier nur angedeutet zu werden. Schritt
für Schritt erkämpften sie sich ihre Rechte in der Industriegesellschaft, erstritten
sich ihren Anteil am öffentlichen Leben und an den allgemeinen Bildungsmöglichkeiten.
Auch die rasch wachsende Teilnahme der Frauen am Berufsleben und ihr Einbruch in die
"Arbeitswelt der Männer" ist eine späte Folge der sozialen Umwälzungen.
Bis zum Ende des Kaiserreichs im Jahr 1918 herrschten im politischen und kulturellen
Leben und auch im Gebrauch der Schriftsprache die bürgerlichen Traditionen vor. Seitdem
ist nach dem Zusammenbruch der Monarchie und der Revolution von 1918 eine neu strukturierte
Gesellschaft erstanden, in der die alten Standesunterschiede keine Rolle mehr spielen.
Nach einigen Jahrzehnten des Überganges leben wir seit dem Neubeginn im Jahre 1945 in
einer Gesamtgesellschaft, die man nicht mehr im traditionellen Sinne "bürgerlich" nennen
kann. Noch hat diese neue Gesellschaft ihre eigene, endgültige Form nicht gefunden. Die
Suche danach zeigt sich jedoch in der oft krassen Abkehr der Jugend vom Hergebrachten, an
dessen Stelle sie einstweilen das Experiment mit neuen Möglichkeiten setzt.
Auf diese Entwicklung antwortet, wie zu jeder anderen Zeit, auch unsere Sprache. Schiller
und Goethe, Sprachmuster für die Schulerziehung der bürgerlichen Zeit, sind für unsere
heutige Sprachgestaltung keine Vorbilder mehr. Die Sprache unserer Gegenwart ist direkter
und derber geworden. Die Schriftsteller "nennen die Dinge beim Namen", sie verhüllen nichts,
und die Schriftsprache von heute nähert sich der Sprache des Alltags, von der sie im
bürgerlichen 19. Jahrhundert weit entfernt war.
Den Fachmann erinnert das Sprachgeschehen unserer Tage an die Anfänge der frühneuhochdeutschen
Zeit. Damals forderte im sozialen Umbruch die junge Gesellschaftsschicht der Stadtbürger
ihr Recht. Auch sie fand nicht sogleich die ihr angemessenen Lebensformen, und in ihrer
einfachen, anfangs oft groben und unflätigen Sprache meint man den Protest gegen das
überfeinerte Deutsch der Adelsgesellschaft zu spüren. Derber Spott und bissige Satire,
mit denen die hergebrachten Lebensformen gegeißelt werden, lassen erkennen, daß auch damals
an der "heilen Welt" der alten Gesellschaft heftig Kritik geübt wurde.
Genauso ist infolge der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts
auch unsere heutige Sprache im Umbruch, und durch die Spaltung Deutschlands wird die Lage
noch verschärft. Quer durch Europas Mitte geht der Riß zwischen zwei scharf unterschiedenen
politischen, ökonomischen und sozialen Systemen. Davon kann auch die Sprache nicht unberührt
bleiben.
Die Amerikanismen im Deutsch der Bundesrepublik sind zahlreich. Ausdrücke wie "blue jeans,
beat, talk show, city, management, multinational" stammen aus dem amerikanischen Englisch,
und in der DDR beweisen Wörter wie "Planerfüllung, Selbstverpflichtung, Kombinat, Kader,
Brigade, volkseigen" den ideologischen Einfluß der Sowjetunion. Der östlichen Ideologie
entsprechend bezeichnen Wörter wie "Freiheit, Demokratie, sozialistisch", jedenfalls im
Sprachgebrauch der Einheitspartei und ihrer Presse, neue einseitige Inhalte, und Wörter
wie "Aggressor, revanchistisch, imperialistisch" (immer nur auf Staaten der westlichen Welt
angewandt), erinnern peinlich an die Propagandasprache der Hitlerzeit.
Doch viele der sprachlichen Neuerungen machen an der innerdeutschen Grenze nicht halt.
Wörter wie "Kollektiv" oder "Exponat" werden auch in der Bundesrepublik gebraucht, und
umgekehrt spricht man in der DDR von "Computern" und "Containern", von "Rock" und
"Dixieland". Bürger der DDR und der Bundesrepublik verstehen sich immer noch ohne
Schwierigkeiten, und sie werden sich auch weiterhin verstehen. Was hüben und drüben
voneinander abweicht, sind geringfügige Unterschiede, wie sie auch gegenüber der
deutschen Sprache in Österreich, in der Schweiz und in Luxemburg und sogar zwischen
Nord- und Süddeutschland bestehen. Das tut der übernationalen Einheit der
deutschen Sprache keinen Abbruch.